Handgezogene Kammzüge versponnen

Beim Test der Wingham Wollkämme habe ich wundervolle Kammzüge gezogen, die jedoch nicht mit einem Diz abgezogen wurden, sondern nur ungleichmäßig aus der Hand. Sie sind aber schön genug, um ihre Spinneigenschaften zu testen und mich an das Thema Kammzüge heranzutasten.

Die Fasern

links Milchschaffaser und rechts Merino

Fleckerl vs. Blessi. Fleckerls Vlies ist glänzend, hat eine Stapellänge von ca. 16cm und hat ausgeprägte glatte Locken. Diese Fasern sind gut geeignet für warme Jacken, Handschuhe und ähnliches. Blessi ist ein deutsches Merinoschaf mit hellbraunem Vlies. Die Fasern sind sehr fein und stark gecrimt, bei einer Stapellänge von 6-7cm. Dadurch ist sie angenehm weich und hat sehr viel Elastizität. Eigentlich nicht unbedingt kämmegeeignet. Deswegen habe ich mich entschlossen, auch eine Spinnprobe aus gekämmten und anschließend kardierten Fasern zu machen, natürlich von beiden Vliesen. Gewaschen habe ich die Rohwolle im Sommer 2018.

Kammzug von Fleckerl und Batt von Blessi

Leider ist die Wolle dieses Jahres witterungsbedingt ungewöhnlich verschmutzt und händisch kaum zum Kardieren vorzubereiten. Aber mit den Wollkämmen lassen sich eingestreute Vliese ohne Probleme fein auskämmen und die Arbeit des Vorzupfens entfällt komplett. Gesponnen habe ich alle Proben auf meinem Spinnrad, Symphonie von Kromski, zweifädig betrieben, bei einer Übersetzung von 1:17. Alle Garnproben wurden, nur getrennt nach Schafrasse, in einem Topf gebadet. Leider blutete einer meiner Abbindfäden aus, daher sind die Milchschaffasern deutlich sichtbar verfärbt.

Die Spinnproben: Blessi

Hier sieht man die Kandidaten nebeneinander. Das weiße Garn ist von Fienchen und dient nur zum Vergleich, da nur kardiert.

Fienchen gelb-grün, Bessi orange und Blessi gelb markiert

Bei dem weissen Garn handelt es sich um einen aus kardierter Wolle, im halblangem Auszug gesponnener Merinowolle von Fienchen. Sie hat eine zarte, wollweisse Färbung, ist elastisch, weich und fast perlig zweifach verzwirnt, ohne an Weichheit zu verlieren.

Fienchen Nahansicht

Merinowolle von Blessi, diese Probe habe ich gekämmt und im halblangem Auszug gesponnen. Dieses Garn ist ausgeglichen, elastisch und ebenmäßig. Verzwirnt habe ich zweifach aus dem Knäuel.

Blessi orange Markierung

Ebenfalls Blessi, gesponnen aus gekämmter und anschließend kardierter Wolle. Auch zweifach gezwirnt und im halblangem Auszug versponnen. Dieses Garn ist strukturiert, ausgeglichen und weich. Schon beim Spinnen hatte es viele Fasernoppen und wird zum Pillen neigen.

Blessi gelb markiert

Merinowolle ist aufgrund ihrer Stapellänge nicht optimal geeignet, um mit den Winghams gekämmt zu werden. Ich denke, mit feinen Wollkämmen sind auch kürzere Wollen gut kämmbar und kleine Faserbällchen lassen sich auskämmen. Die großen Winghams sind hierfür nicht das Werkzeug der Wahl, aber dennoch nicht unsinnig.

gewaschene Merinowolle

Die Spinnproben: Fleckerl

Hier zeige ich euch eine Übersicht aller gesponnenen Proben von meinem Milchschaf Fleckerl.

Fleckerl, vier Garne

Fleckerls Locken eignen sich optimal zum Kämmen.

Rohwolle Fleckerl vor dem Kämmen

Der erste Kammzug der versponnen wurde, war ein Gemeinschaftsprojekt. Die Fasern wurden von Kathrin (Back to the Wheel) im langen Auszug versponnen und kettengezwirnt (Navajo). Das Kämmen war meine Aufgabe.

Der Kammzug ließ sich angehem ausziehen und spinnen. Jedoch war der so entstandene Strang für mich ungewohnt, hart, ja steif; verzwirnt jedoch komplett unterdrallt. Ausserdem war die Wolle fusselig und kratzig. Nach dem Entspannungsbad die nächste Überraschung, die Fäden waren leicht angefilzt. Das habe ich bisher beim Milchschaf noch nicht erlebt.

Erster Versuch, entgegen der Kämmrichtung ausgezogener Kammzug

Ich überlegte, was beim ersten Versuch schief gelaufen sein könnte und achtete beim nächsten Versuch auf die Faserrichtung des Kammzuges, dabei zog ich die Fasern von der Spitze her aus, also in Kämmrichtung. Der Faden verhielt sich komplett anders, es entstand ein weiches, glänzendes und rundes Garn. Gesponnen habe ich es im langen Auszug und zweifach aus dem Knäuel gezwirnt.

Probe grün, langer Auszug, 2-ply

Um ein Kammgarn zu spinnen, habe ich die nächste Probe im kurzen Auszug gesponnen. Dabei achtete ich wieder auf die Kämmrichtung und zog nach Vorne aus, um die Fasern glatt auszuziehen. Beim Nachgreifen des Fadens strich ich das Garn zusätzlich glatt. Dies ergab ein wundervolles Milchschafgarn, weich, aber robust und fleckerltypisch glänzend. Es ist ausgeglichen und hat eine schöne Zwirnung.

Probe blau, kurzer Auszug, 2-ply

Bei meinem letzten Versuch wollte ich testen, wie sich gekämmte Wolle, die im Anschluß noch einmal kardiert wurde, verhält. Der Gedanke dahinter: “Kann ich stark verschmutzte Vliese kämmen, um sie für den Kardierer aufzubereiten?”. Dazu habe ich die gekämmte Wolle auf dem Kamm belassen, diese dann portionsweise abgezogen und in den Kardierer einlaufen lassen. Das so entstandene Batt war fluffig und lies sich angenehm, im kurzen Auszug, verspinnen. Wieder zog ich nach vorne aus und strich das Garn glatt. Auch dieses Garn hat seinen Charme. Es ist das weichste von allen Fleckerlproben und im Bad gut aufgeflufft, aber nicht so gleichmäßig gesponnen, wie das aus dem Kammzug (Probe blau).

Probe rosa, gekämmte und kardierte Wolle, kurzer Auszug, 2-ply

Mein Fazit

Die Garne, die bei diesem kleinen Test entstanden, haben in ihren Eigenschaften die Theorie bestätigt. Ein Kammgarn ist stabiler, glänzender und gleichmäßig spinnbar, wohingegen das Streichgarn weicher, fluffliger aber empfindlicher ist. Das Kämmen der Wolle ist eine schnelle und gründliche Vorbereitung der Spinnfasern. Ein Kamm der Winghams fasste um die 17-19g gekämmter Fasern. Ich benötigte ca. 10min für das Kämmen und Abziehen einer Kammladung. Gedanken über zu schmutzige Vliese mache ich mir zukünftig keine mehr. Die Wollkämme bewältigen selbst stark verschmutzte Vliese und sind die Option bei der Verarbeitung von heimischer Rohwolle. Mir macht das Spinnen von Kammzügen unheimlich viel Spass und wird meine Spinnerfahrungen erweitern.


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