Waschtag(e) – Die Rohwolle wird gewaschen

Sobald das erste Heu eingeholt ist und das gute Wetter uns nach Draußen zieht, ist es endlich an der Zeit, die ersten Vliese zu waschen. Diese harren seit der Schur gut verpackt in unserer Scheune der Dinge. Um auch längere Lagerzeiten unbeschadet überstehen zu können, wurde die Rohwolle der Schafe jeweils einzeln in alte Bettbezüge gesteckt, verschlossen und möglichst locker und ohne Sonnenbestrahlung gelagert. So verstaut, überstehen die Vliese oft einige Jahre. Um den Überblick über die Wolle und deren Qualität zu behalten, beschriftete ich jedes Behältnis mit mindestens dem Schurdatum und dem Tiernamen.

Bevor ich die Waschtröge zusammensuche, sortiere ich die Vliese gründlich vor. Einen Großteil der besonders verschmutzten Vliesteile habe ich direkt bei der Schur entsorgt. Dazu gehören die eingekoteten Fasern an den Hinterläufen und die eingefütterte Nackenpartie des Schafes und vieeeeel Nachschnitt. Allerdings habe ich noch einiges an Arbeit vor mir, da bei der Schur nur wenig Zeit bleibt und ich mich mich zudem noch nach jedem Schaf um die Sauberkeit des Scherplatzes kümmern muss.

Blessi, deutsches Merino
Blessi, deutsches Merino
Nahaufnahme Blessi
Gut sichtbar, die feine Kräuselung. Kardiert ensteht ein zartes

Das Vorsortieren läuft bei mir immer gleich ab. Ich breite das einzelne Vlies auf einer sauberen Unterlage aus, immer beginnend mit der Schnittseite nach oben zeigend. Dabei arbeite ich vorsichtig, um mein Vlies nicht zu beschmutzen. Die Schnittseite ist sehr fettig, jedoch im Idealfall noch sauber! Sie zieht Schmutz magisch an! Vor einem ausgebreitet, sieht man sehr deutlich die verschnittenen Locken. Diese liegen oben auf (auf der Schnittfläche) und ich sammle die kleinen Wollbällchen locker ab. Auch beim Scheren aufgesammelter Schmutz ist noch super abnehmbar, sowie eingekotete Locken, welche durch ihr Eigengewicht verteilt, überall zu finden sind.

Ausbreiten des Vlieses
Ausbreiten des Vlieses
Huch, was ist denn das?
Huch, was ist denn das?
Nachschnitt
Nachschnitt
Nachschnitt
Nachschnitt

Jetzt wird das Vlies oder auch die Vliesteile, umgedreht. Natürlich ist wieder auf eine saubere Unterlage zu achten. Ich arbeite mich von den Seiten zur Mitte vor. Für meine Zwecke zu kurze Bauch- und Beinfasern entferne ich, ebenso alle noch zu stark verschmutzten Teile. Dann sammle ich Heu, Kotküttel und die von mir gefürchteten Rispen, aber auch Distelkletten aus. Rispen öffnen sich gerne beim Waschen und die feinen Samen verteilen sich wunderbar in gewaschener Wolle. Geöffnete Distelkletten sind ein Fluch, obwohl sehr groß, mogeln sie sich durchaus unbemerkt in die Wäschetröge. Entdecke ich schon mitgewasche Kletten, halte ich die Klette fest und ziehe die verhakte Locke vorsichtig mit aus, dabei öffenen sich gerne die Disteln, und bröseln die Wolle schön ein, also Achtung! Grassamen ziehe ich immer in Richtung Stengel aus, so bleiben die Blütenstände geschlossen und lassen sich ohne Problem ausziehen. Oberflächliche Verfilzungen entferne ich vor dem Waschen, dabei halte ich das Vlies fest und rupfe die verfilzten Stellen ab. Verbleiben diese beim Waschen im Vlies, verdrehen sich die Locken und das Aufbereiten der Fasern wird sehr erschwert. Bei dieser ganzen Zupferei versuche ich jedoch, das Vlies nicht zu zerpflücken, sondern die Lockenstruktur zu erhalten. Dies ist manchmal eine Gratwanderung.

Blessi Oberseite
Blessi Oberseite
Nahaufnahme Blessi
Nahaufnahme Blessi
Verfilztes Deckhaar
Verfilztes Deckhaar
Weg damit!
Weg damit!
Grassamen
Grassamen
Stark eingestreute Wolle
Stark eingestreute Wolle
Randpartie des Vlieses
Randpartie des Vlieses

Ein gut vorsortieres Vlies wiegt bei uns ca. 2-3kg. Aber letztendlich verarbeite ich fast ausschließlich die besten und saubersten Stücke der Wolle. Hierzu teile ich das Vlies in seine Wollqualitäten ein und beurteile die Wolle auch unter dem Aspekt der leichten Verarbeitbarkeit. Zurück bleiben pro Vlies um ein Kilo zu waschender Fleischschafwolle. Die Milchschafe liefern ca. das Doppelte an Wolle in “Premiumqualität”. Diese geht in die Weiterverarbeitung. Nur mir sehr “heilige” Fasern in Qualität II werden von mir noch beachtet, also Wolle meiner Lieblingsschafe.

Die Guten ins Töpfchen
Die Guten ins Töpfchen
Gemütliche Stunden
Gemütliche Stunden
Sonnige Stunden
Sonnige Stunden

Das Waschen an sich ist eher eine sehr simple Sache. Ich bilde eine kleine Waschstraße. Dazu fülle ich heißes Wasser in meine Waschkübel, gebe etwas Spüli in den ersten Bottich. Dem zweiten Waschkübel wird soviel Spülmittel beigesetzt, bis sich das Wasser glitschig anfühlt. Statt Spülmittel kann man auch z.B. Haarshampoo nehmen. Verklebte Spitzen löse ich mit den Fingern auf, aber sehr sanft. Ich belasse die Fasern je nach Verschmutzung und Vorbehandlung, auf die gehe ich später genauer ein, in dem Einweichwasser. Anschließend wird sie geschleudert, das Wasser aufgefangen und wieder in den Bottich gegeben.

Waschstraße
Waschstraße
Wolle im Bad
Wolle im Bad
Schleuder
Schleuder
Hm, fast sauber
Hm, fast sauber

Danach darf die Wolle in die Waschlauge. Bin ich mit dem verbleibenden Fettgehalt zufrieden wird gespült und gespült und gespült… Solange bis das Ergebnis gefällt. Ich schleudere die Fasern nach jedem Waschgang und lege sie nur ein, ich rühre nicht. Bewegungen versuche ich zu vermeiden, vor allem in Verbindung mit Seife. Wildes Waschen ist nicht von Vorteil! Starke Temperaturunterschiede des Wasch- und Spülwasser führen zu Verfilzungen! Besonders der Wechsel von heiß zu kalt ist gefährlich. Falls keine Möglichkeit des Schleuderns besteht, achtet besonders auf die Temperatur im Wollinneren. Hebt die Wolle zum Austropfen in ein Sieb und drückt vorsichtig aus. Mit Einsatz der Schleuder spüle ich meist nur zweimal aus, ohne Schleuder erhöht sich die Anzahl der Spülgänge.

Anschließend trockne ich die Wolle, locker in meine Bettbezüge gelegt, auf dem Wäscheständer. Der Vorteil hierbei, die Fasern fliegen nicht durch den Garten und bei einem Wetterumschwung sind sie schnell ins Trockene gebracht. Außerdem sind neugierige Vierbeiner erstmal in ihrem Tatendrang aufgehalten. Wenn alles trocken ist, darf die Wolle in meinem Wollzimmer gelagert werden.

Schecki, Merino-Schwarzkopf-Mix
Schecki, Merino-Schwarzkopf-Mix
Schecki
Schecki
Bock im Bad
Bock im Bad
Schecki in der ersten Waschlauge
Schecki in der ersten Waschlauge
Bockwolle, Erstschur
Bockwolle, Erstschur
Bockwolle ganz nah
Bockwolle ganz nah
Nahaufnahme Bockvlies
Nahaufnahme Bockvlies

Anmerkung: In der Wolle verbliebenes Restfett und nachgefettete Wolle kann ranzig werden. Die Fasern kleben zusammen und lassen sich schwer ausziehen. Dies ist zwar ärgerlich, aber problemlos auswaschbar. Auch bereits kardierte Batts wasche ich nochmals durch, wenn mir die Fasern zu verklebt erscheinen. Einfach eingerollt ins Wasserbad mit etwas Spüli geben und ordendlich erhitzen. Nicht schleudern, sondern abgetropft ins klare Spülbad geben. Nach der Trocknung nochmals kardieren und die Fasern sind wieder superfluffig.

Die getrocknete saubere Wolle zu sehen ist immer wieder ein erfüllender Moment. Bis zu diesem Zeitpunkt hat man schon viel Zeit und Mühe in die Rohwollaufbereitung gesteckt und darf sich an dem Ergebnis erfreuen.

Warum trenne ich die Vliese vor dem Waschen in ihre Qualitäten und verzichte auf so viel Wolle?

Um Energie zu sparen, ganz simpel!

Da von unbehandelter Rohwolle, gerade auch für das ungeborene Kind, ernste gesundheitliche Gefahren ausgehen können, koche ich meine Wolle, welche nicht gefärbt wird, generell ab. Näheres dazu habe ich in diesem Beitrag erläutert.

Und um umweltschonender zu arbeiten, habe ich beschlossen, nur noch beste Wollqualitäten abzukochen und mindere Wolle nur bei Bedarf. Diese etwas stärker verschmutzen Teile des Vlieses lassen sich gut zu Teppichen verarbeiten, sind aber nach aufwändigerer Vorarbeit durchaus oberbekleidungstauglich.

Beim Absieden gehe ich wie folgt vor. Die abzukochenden Vliesteile suche ich nochmals, vor dem Einlegen ins warme Wasser, nach verbliebenen Samen und Heuresten ab. Zuppel dabei aber so wenig wie möglich an den Locken. Dann gebe ich sie ins Wasser und drücke leicht unter. Die Wolle sollte frei schwimmen können. Das Wasser wird auf min. 86°C erhitzt und die Temperatur für min. 10 Minuten gehalten. Meist belasse ich die Wolle länger und bei höherer Temperatur im Kessel. Meinen Wollen schadet auch sprudelnd kochendes Wasser nicht. Bitte beim Kochen keine Seife benutzen, da die Wasserbewegung beim Kochen schon ausreichen kann, um die Wolle anzufilzen. Diese Prozedur schadet selbst feinen Fasern nicht und tötet Krankheitserreger zuverlässig ab.

Es entwickeln sich unglaubliche Gerüche und ein Waschplatz im Freien ist dringend anzuraten. Das Wollfett wird durch die Hitze gut gelöst und auch verklebte Spitzen lösen sich wunderbar. Ich hebe die Wolle aus dem leicht abgekühlten Kessel und lasse sie weiter Temperatur verlieren, bis sie Waschtemperatur hat. Nun darf die Wolle ins Seifenbad (auf die Temperatur achten) und wird wie oben beschrieben gewaschen. Das kalte Abkochwasser ist hervorragender Dünger! Bei so behandeltem Rohstoff habe ich keine Bedenken, die Wolle meiner Schafe weiter zu verarbeiten und auch in andere Hände zu geben.

Skeptisch wartet Jacky
Skeptisch wartet Jacky

Eines unserer Schafe hat dieses Jahr eine liebe Patin bekommen. Nadine, die Patin, lach, hat mittlerweile schon die Wolle von Jacky dem Merino-Suffolk-Mixschaf bekommen. Auch dieses Vlies wurde von mir wie hier beschrieben vorsortiert und abgekocht, so dass die Wolle unbeschwert genossen werden kann. Mittlerweile hat mir Nadine auch geschrieben und Bilder der bereits gefärbten und kardierten Jacky gezeigt. Es macht mich unheimlich glücklich, das Ergebnis meiner Tierhaltung und auch der Unterstützung durch die Patin zu sehen.

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