Gewaschene Rohwolle fürs Kardieren mit der Trommelkarde vorbereiten

Nach meinem Blogbeitrag “Kardieren meiner Testcochenillefärbung” erreichten mich viele Fragen, warum ich soviel Zeit zum Aufbereiten meiner gewaschenen Rohwolle aufwende. Im Handarbeitsforum Ravelry wurde gemutmaßt, meine Fasern seien von schlechter Qualität und bei “besseren, saubereren” Fasern könne man in einem Bruchteil der von mir genannten Zeiten, Rohwolle zum anschließenden Kardieren vorbereiten. Dies bewog mich dieses Thema genauer zu beleuchten.

Eine meiner letzten Säurefärbungen Detailansicht rechts unten

Ich verarbeite fast ausschließlich Wolle meiner Tiere. Diese werden im Winter im Offenstall gehalten. Sie haben jederzeit die Möglichkeit, den überdachten Liegebereich zu verlassen und schlafen auch gerne, ganz nach Lust oder Rangordnung unter freiem Himmel. Somit sind sie Wind und Wetter ausgesetzt, was sich auf das Vlies jedoch positiv auswirkt. Tiere die in den Wintermonaten in engen, schlecht belüfteten Ställen zubringen, koten sich gegenseitig ein. Die Enge bewirkt zudem, dass die Wolle verfilzt und Schweiß und Urin nicht durch trocknet. Nicht zu reden von sich ausbreitenden Krankheiten, die durch ein schlechtes Stallklima begünstigt werden. Die Wolle wird muffig und riecht unangenehm nach Schaf.

Leider ist es uns nicht möglich, unsere Tiere ganzjährig in Außenhaltung ohne Zufütterung von Heu zu halten. Wir bewirtschaften extensiv insgesamt 7ha Weideflächen, die in unserer schneereichen Region nur in den Sommermonaten unsere Schafe ausreichend mit frischem Gras versorgen können. Um in Deutschland als Landwirt im Bereich der Schafhaltung nicht nur Verluste zu machen, muss man alle Fördertöpfe in Anspruch nehmen. Nachteilig daran ist, dass sich die Anzahl der Tiere in einem genau bemessenem Korridor befinden soll. Je mehr Fläche, desto mehr Tiere muss ich halten, was wiederum bedeutet, nehme ich am Förderprogramm teil, kann ich meine Tiere nicht ganzjährig auf der Weide satt bekommen. Denn ohne Mahd im Sommer würde das Futter eventuell bis in den Februar reichen, was ersichtlich immer noch zu wenig wäre. Eine Winterfütterung ist im dicht besiedelten Deutschland unausweichlich. In Regionen, in denen Land nicht so teuer ist, sähe das anders aus.

Um die Hufgesundheit zu gewährleisten bieten wir unseren Tieren in den feuchten Wintermonaten befestigte Außenflächen an. Dies wirkt dem Entstehen der gefürchteten Moderhinke und den schmerzhaften Hufaussenwandablösungen entgegen. Zusammen mit Niederschlag und Kot führen diese befestigten Flächen aber zu leckerem Matsch, der sich auch durch tägliches Kehren nicht vermeiden lässt. Und den Tieren ist es herzlich egal wo sie liegen, und das, obwohl ich ihnen schon mehrmals bessere Plätze vorgeschlagen habe.

Bluna sucht nach dem leckersten Hälmchen

Nun sind wir gezwungenermaßen bei Zufütterung im Winter gelandet und aktuell bietet sich hier Heu an. Heu führt leider zum Einfüttern meiner Schafe. Das bedeutet, Heu arbeitet sich in das Vlies ein, da die Tiere ihre Köpfe auf der Suche nach den leckersten Halmen tief in den Heuballen eingraben. In warmen, regnerischen Wintern bindet die feuchte Wolle zudem feine Heubrösel und sich im Heu befindlichen Staub. Alternativ käme Silage in Betracht. Sie würde einen aufwändigeren Stallumbau notwendig machen und ich kann nicht absehen, ob sich eine Verbesserung des Einfütterns ergibt. Schließlich muss immer noch in Ballenform gefüttert werden.

Wieder aufgetaucht!

Die Wolle von Schafen aus z.B. Irland, Australien, Südamerika und vielen weiteren Teilen der Welt, welche ganzjährig Weidegang haben ohne zusätzlich zugefüttert werden zu müssen, ist ohne Zutun des Landwirtes viel sauberer als solche aus unserer Region. Es gibt kein Einfüttern und verkotete Vliese sind mit ein bisschen Regen wieder sauber. Regionale Vliese sind daher durchaus aufwändiger in der Aufbereitung. Ich verarbeite gerne meine heimische Wollen, auch in Hinblick auf meinen persönlichen ökologischen Fußabdruck und anderen mir wichtigen Gründen.

Nun endlich zum Thema. Beim Waschen meiner Wolle achte ich darauf, dass ein gewisser Anteil von Lanolin, also Wollfett, erhalten bleibt. Zu fettrei gewaschene Wolle fühlt sich für mich, genauso wie industriell verarbeitete Fasern, tot, leblos an. Auch bindet das Wollfett den Schafgeruch, welchen ich als sehr angenehm empfinde. Jedes meiner Tiere riecht anders und ich kann jedes an seinem individuellen Geruch erkennen. Im gewaschenen Zustand riechen die Fasern nur noch leicht nach Schaf, aber auf mich wirkt dieser Geruch sehr entspannend. Durch den Restfettgehalt rieselt der Schmutz nicht so leicht aus den Fasern, sondern muss händisch ausgezupft werden. Ich achte auch darauf, verschnittene Wolle auszusortieren, da diese Klümpchen im Vlies geben. Auch öffne ich jede Lockenspitze und oftmals mit Nachschnitt verklebte Schnittstellen der Fasern. Dies dauert, aber verbessert das Kardierergebnis enorm.

Beim Kardieren gebe ich nur kleine Faserportionen ein. Das Holz des Eingabebrettes sollte noch gut durchscheinen. Dadurch werden beinahe alle Fasern direkt auf die große Walze gezogen, die kleine Walze bleibt fast faserfrei. Es entsteht viel weniger Kardierabfall. Zudem achte ich auf langsames Kurbeln, dadurch werden die einzelnen Fasern langsam von der großen Walze aufgezogen. Dies verhindert die Schlaufenbildung und das Zerreißen der Fasern. Ja, das tun sie, wenn zu schnell gekurbelt wird. Außerdem können die Häkchen des Kardenbelages durch zu schnelles Kurbeln verbiegen. Ist mir alles schon passiert. Ich gebe die Fasern, soweit ich das noch erkennen kann, mit der Lockenspitze voran ein, um ein möglichst homogenes Batt zu erhalten. Das Überladen der Trommelkarde vermeide ich, und komprimiere die Fasern mit Hilfe der Flickkarde nur sehr dosiert, um ein fluffiges, lockeres Batt zu erhalten. Dies ist aber Erfahrungssache und abhängig von der Faserbeschaffenheit. Auch pflanzengefärbte Wollen können zum Verkleben neigen, bei solchen bin ich sehr vorsichtig mit dem Einsatz der Flickkarde. Ich habe in meinem Anfangszeiten fürchterliche Batts gedreht und musste einsehen, dass es Zeit benötigt, um für meine Bedürfnisse gute Batts zu produzieren. Als ich anfing zu Kardieren, arbeitete ich noch mit Handkurbel und wollte schnelle Ergebnisse erhalten, habe aber bald gemerkt, dass das Verspinnen von sorgfältig verarbeiteten Fasern mir wesentlich mehr Freude bringt und sich meine spinnerischen Fähigkeiten automatisch verbesserten. Heute stelle ich meine Rohwollbatts mit meiner motorisierten Trommelkarde her. Den Ashfordkarder mit Handkurbel nutze ich zum Gestalten von Wildbatts, da ich mehr Gefühl für die Faser beim händischen Drehen bekomme, meine Kurbelgeschwindigkeit variieren und unsauber aufgezogene Fasern sofort von der großen Trommel zupfen kann. Sehr feines Material, wie einige Regenerationsfasern oder auch Seide gebe ich direkt auf die große Trommel. So gehe ich auch mit Fasern vor, bei welchen ich deren Struktur erhalten möchte, zb. schön definierte Locken. Als Basis für Wildbatts benutze ich gerne meine Rohwollbatts in unterschiedlichen Färbungen.

Ich möchte lockere, weitestgehend schmutzfreie und homogene Vliese herstellen, welche ich anschließend durch Mischen von verschiedenen Wollen, also unterschiedlichen Schafrassen und Pflanzenfasern zu interessant zu verspinnende Batts verarbeite. Ich liebe die Haptik von Leinen und auch die Weichheit von Seide. Das Spielen mit Farben führt zu tollen Garnen, die Freude machen zu spinnen, zu verstricken oder zu verweben. Im Regelfall kardiere ich in zwei Durchgängen, wobei ich viele meiner vorbereiteten Batts anschließend mit Planzenfasern, Seiden, einzelnen Locken oder auch Garnresten versehe, um daraus interessante Artyarns zu gestalten.

Durch die sorgfältige und dadurch bedingte, zeitaufwändige Vorbereitung ist es mir möglich, vielseitige Garne zu spinnen, welche nur durch meine handwerklichen Fähigkeiten entstehen. Mir ist es selbst überlassen zu entscheiden, welche Art von Garn ich herstellen möchte, bzw. wie mein fertiges Projekt aussehen sollte.

Der Ansatz der schnellen Vorbereitung

Natürlich gibt es auch andere Herangehensweisen, Fasern zum Spinnen vorzubereiten. Um die Unterschiede zu verdeutlichen, stelle ich hier einige von einer anderen Spinnerin hergestellten Batts vor, welche auch käuflich zu erwerben sind. Eine sehr kreative Umsetzung des Themas Gestaltung von Wildbatts.

Trio Infernale

Die unten gezeigten Batts weisen noch sehr viel Schmutz, Nachschnitt und auch Verfilzungen auf. Viele unterschiedliche Faserarten wurden mit einander kombiniert, jedoch sehr “unsauber” durch den Kardierer laufen gelassen. Die einzelnen, vor allem feinen Fasern bilden Schlaufen, die vielen im Batt verbliebenen Nachschnitte geben Knötchen und auch der nicht aussortierte Schmutz bildet im Garn ungleichmäßige und kratzige Stellen. Die Verfilzungen in den Fasern, entstanden durch unsorgfältigen Umgang beim Färben und Waschen oder falscher Lagerung, lassen sich sehr schwer ausziehen.

Solche Batts bestimmen durch ihre eigenwillige Struktur das entstehende Garn, weniger durch die im Vorhinein durchdachte Kombination von verschiedenen Materialien und Farbkombinationen. Man lässt den Fasern beim Spinnen “freien” Lauf, das bedeutetet, ich habe wenig Kontrolle über das Spinnergebnis. Das Batt gibt vor, wie sich die einzelnen Parts verspinnen lassen. Um mit einem solchen Material Spinnspass zu haben, ist man gezwungen, die Fasern frei ins Spinnrad laufen zu lassen. Nicht das spinnerisches Können bestimmt das Garnergebnis, sondern das Batt gibt dies vor. Natürlich fällt der nicht aussortierte Schmutz mitunter beim Spinnen aus den Fasern, ein Tuch auf dem Schoß ist anzuraten. Mit solch “auf die Schnelle” produzierten Batts kann jeder, der in der Lage ist die Fasern “loszulassen”, ein ungleichmäßiges, artyarnmäßiges Dick-Dünn-Garn herstellen. Dies ist eine völlig legitime Herangehensweise an das Thema Artyarn, und kann durchaus Spass beim Verspinnen bringen. Gerade Spinnanfänger, die sich noch nicht mit dem Aufbau eines gelungenen Artyarns auseinandergestzt haben, können mit solchen, schnell zusammenkardierten Wildbatts viel Freude haben. Aber streng genommen hat ein solches Garn nichts mit der Handwerkskunst der Artyarnherstellung zu tun und besitzt nicht die gewünschten Eigenschaften eines gekonnt gesponnen Artyarns, von gewollter und durchdachter Konstruktion kann keine Rede sein. Wer jedoch ein gezieltes Spinnergebnis erhalten möchte, dem sei geraten, viel Sorgfalt in die Vorbereitung seiner Spinnfasern einfliessen zu lassen. Der Kreativität wird dann kaum eine Grenze gesetzt. Man kann ganz nach Vorhaben Farben, Fasern und andere Beigaben mischen und behält die Kontrolle über die Eigenschaften, welche das Garn erhalten soll und kann zudem sein handwerkliches Geschick einsetzten, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Hierbei sollte nicht die unsaubere Faservorbereitung das Spinnen bestimmen, sondern die Fähigkeiten und Kreativität der Spinnerin.

Als Resümee lässt sich festhalten, dass die Vorbereitungszeit direkt proportional zum Ergebnis ist. Wer keinen so großen Wert auf ordentliche Batts legt und mit dem oben gezeigten “Wildbatts” zufrieden ist, der wird mit einer Stunde Aufwand in der Vorbereitung zum Kardieren für ein Kilo Wolle durchaus auskommen. Bei gesteigertem Anspruch kann die Vorbereitungszeit allerdings mehrere Stunden, natürlich abhängig vom Material und dessen Beschaffenheit, benötigen.


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